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Neue Unterschicht
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Neue Unterschicht ist ein umstrittenes politisches Schlagwort, mit dem die Herausbildung einer Bevölkerungsgruppe beschrieben wird, welche am wenigsten ĂŒber Geld, GĂŒter, Bildung und Sozialprestige verfĂŒgt. Als das spezifisch Neue an dieser Unterschicht wird dabei gesehen, dass sie im Vergleich zum Proletariat meist auch ĂŒber mehrere Generationen hinweg ohne ErwerbstĂ€tigkeit ist.
Contents
âą Allgemeines
âą Siehe auch
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Allgemeines
Der Begriff âNeue Unterschichtâ geht ursprĂŒnglich auf Gunnar Myrdal zurĂŒck.cite-ref-1[1] âNeue Unterschichtâ ĂŒberschneidet sich oft mit dem Begriff des Prekariats. Beide haben soziologisch unterschiedliche Ausgangspunkte: âNeue Unterschichtâ gehört zunĂ€chst wie die âalteâ Unterschicht (siehe unten) in die Debatte zur Sozialen Schichtung, wĂ€hrend âprekĂ€reâ soziale Rollen ĂŒberall in der gesamten Sozialstruktur (sogar in der Oberschicht) vorkommen können (z. B. ruinierte Adelige, ewige Privatdozenten, bankrotte Unternehmer, auftragslose KĂŒnstler). Man kann âNeue Unterschichtâ zudem â trotz Verwendung des âSchichtâ-Begriffes â der kulturalistischen Klassentheorie zuordnen.
Paul Nolte macht in seiner Schrift Generation Reformcite-ref-2[2] von 2004 eine kulturelle Spaltung der âNeuen Unterschichtâ von der Mehrheitsgesellschaft aus. Die Spaltung hatten verschiedene Forscher (M. Rainer Lepsius, Josef Mooser, Luidgard Trommer-Krug u. a.) bereits in den 1970er und 80er Jahren in der Lebensstil- und Ungleichheitsforschung festgestellt. Jörg Ueltzhöffer und Berthold Flaig fassten 1980 in ihrem Modell der Sozialen Milieus dieses zum Begriff des âTraditionslosen Arbeitermilieusâ zusammen.
Bereits in den 1960er Jahren sprach der amerikanische Ethnologe Oscar Lewis von einer Kultur der Armut, die durch UnterdrĂŒckung der Frau, sowie Gewalt gegen Frauen, mangelndes Interesse an Bildung und mangelndes Interesse, auf die sofortige ErfĂŒllung von WĂŒnschen zu verzichten, geprĂ€gt sei. Es sei jedoch nur ein Teil der Armen dieser Kultur zugehörig.cite-ref-3[3]
In seinem umstrittenen Buch Neukölln ist ĂŒberall vertritt Heinz Buschkowsky die Meinung, dass es zusĂ€tzlich zur einheimischen Unterschicht inzwischen auch eine Unterschicht mit Migrationshintergrund gĂ€be und diskutiert den Aufstieg durch Bildung als Lösung des Problems. Er diskutiert unter anderem Sprachförderung und eine Pflicht zum Kindergartenbesuch und schlĂ€gt vor, ALG-2-Beziehern keine Geldleistungen fĂŒr ihre Kinder auszuzahlen, sondern stattdessen Sachleistungen zu gewĂ€hren.cite-ref-4[4]
Menschen aus der Unterschicht haben eine um bis zu 10 Jahren verkĂŒrzte Lebenserwartung. GesundheitsgefĂ€hrdende Arbeits- und LebensverhĂ€ltnisse sowie individuelles Verhalten werden ĂŒberwiegend dafĂŒr verantwortlich gemacht. Aus der Sicht als Arzt stellt Bernd Kalvelage im Buch Klassenmedizin fest, das medizinische Versorgungssystem berĂŒcksichtige die besondere Situation und GefĂ€hrdung dieser Bevölkerungsgruppe unzureichend. Sie zeichne sich aus durch einen Mangel an Erfahrung der Selbstwirksamkeit (âdie auf positiver Erfahrung gegrĂŒndete Zuversicht eines Menschen, seine Angelegenheiten ĂŒberwiegend erfolgreich regeln zu könnenâ, Bandura 1995). Angehörige der Unterschicht fielen oft durch oder neben das Netz des Gesundheitswesens, weil u. v. a. GefĂ€hrdungen und handycaps (Arbeitsplatz, fehlendes Wissen und UnverstĂ€ndnis des medizinischen Sprachcodes, Analphabetismus, Ăngste) nicht beachtet und Ressourcen (z. B. besser informierte, ggf. dolmetschende Angehörige einzubeziehen, leichte Sprache zu benutzen) nicht gesucht wĂŒrden. Die dann zu beobachtende âIncomplianceâ (Patient macht nicht, was der Arzt verordnet) sei oft ein Symptom einer gestörten Kommunikation zwischen Arzt und Patient mit negativen gesundheitlichen Folgen, ein ernstes QualitĂ€tsdefizit. VerstĂ€rkt werde dieser Effekt durch eine elitĂ€r-asoziale Grundhaltung, die implizit bereits im und bei der Auswahl zum Medizinstudium durch eine Mittel-Oberschicht-Orientierung erzeugt werde. Erforderlich sei ein Wechsel der Perspektive in der Medizin: statt Behandlung von oben herab gezielte Hinwendung zu den BedĂŒrftigsten, der Arzt als parteiischer Anwalt speziell seiner Patienten aus der Unterschicht.
Andreas Reckwitz beschreibt 2017 eine "Gruppe, die eigentlich aus dem alten Mittelstand nach unten herausbricht. Man könnte hier auch von der Entstehung einer neuen Unterschicht sprechen. Das ist ja ein Begriff, der in der Soziologie seit einigen Jahren kursiert, also prekĂ€r BeschĂ€ftigte, die ja auch sozial deklassiert sind, die sich auch kulturell entwertet fĂŒhlen".cite-ref-5[5]
Debatte ĂŒber die Neue Unterschicht in den USA
Nach Wilson (1987) ist das Entstehen der neuen Unterschicht durch den Wegfall von Jobs fĂŒr Ungelernte und rĂ€umliche Segregationsprozesse bedingt. Dadurch, dass die Mittelschicht bestimmte Stadtviertel verlasse, verlören die noch dort Verbliebenen den Kontakt zu Personen und Institutionen, die sie an der Lebensweise der Mehrheitsgesellschaft teilhaben lassen. FĂŒr Wilson ist die Unterschicht eine heterogene zusammengesetzte Gruppe von Personen, die nicht mehr am BeschĂ€ftigungssystem teilhaben.cite-ref-6[6] Weitere Kriterien seien die Kumulation von Benachteiligungen (sozialstaatliche Alimentierung, Infrastruktur, fehlende Ausbildung, kulturelle Verwahrlosung) und die familiĂ€re Reproduktion von Ausgrenzung. Der Ansatz stieĂ auf Kritik, denn er konstruiere âeine Bedrohung fĂŒr die Mehrheitsgesellschaftâ und diffamiere die Personen, die zur Gruppe der âNeuen Unterschichtâ gerechnet werden.cite-ref-7[7]
Zentrale Protagonisten der amerikanischen Debatte waren Ken Auletta (der 1982 das Buch The underclass veröffentlichte) und Charles Murray (der 1984 Losing Ground veröffentlichte). Beide behaupten, dass ein Proletariat existiere, das sich bewusst von den Werten der ĂŒbrigen Gesellschaft absetze und ein eigenes Wertesystem entwickelt habe. Zu dieser Unterschicht zĂ€hlen nach den Angaben der Autoren Drogen- und AlkoholabhĂ€ngige, entlassene Strafgefangene, psychisch Kranke, Obdachlose, Wohlfahrtsbezieher, SchulschwĂ€nzer, illegale Einwanderer und minderjĂ€hrige MĂŒtter. Zum Inbegriff der Unterschicht wurde die minderjĂ€hrige, farbige, alleinerziehende Mutter im Sozialhilfebezug, die so genannte Welfare Queen. Die Unterschicht zeichne sich durch gemeinsame bad values aus, die dadurch entstanden seien, dass die unteren Bevölkerungsschichten durch zu groĂzĂŒgige staatliche UnterstĂŒtzung korrumpiert worden seien.cite-ref-8[8]
AnsÀtze in den Sozialwissenschaften
Soziologischer Ausgangspunkt
Die Soziologie definiert eine Schicht u. a. nach Einkommen und sozialem Status gesellschaftlicher Gruppen, die folgende Gemeinsamkeiten haben:
âą eine signifikante GröĂe,
âą eine andauernde soziale Lage
âą Weitergabe an ihre Nachkommen (âsoziale Vererbungâ) â doch sind sozialer Aufstieg und Abstieg aus ihr nicht ausgeschlossen.
In diesem Rahmen fasste die âUnterschichtâ Kleinbauern, Knechte, Arbeiter, einfache Angestellte, Seeleute, Gesinde u. a. zusammen â oft auch noch unterteilt in âUntereâ und âObere Unterschichtâ. (â Proletariat und Arbeiterklasse) Unter der Unterschicht wurden gelegentlich auch noch die âSozial Verachtetenâ (Harriett B. Moore) bzw. das âLumpenproletariatâ platziert.
Der laufende deutsche Diskurs (etwa Paul Nolte und Heinz Bude) hat auch Fragestellungen aus den USA aufgenommen.
Interpretative Demoskopie
Nach der Studie Gesellschaft im Reformprozess der Friedrich-Ebert-Stiftung auf Datenbasis von TNS Infratest â eigentlich ĂŒber SPD-WĂ€hlerpotential â gehören acht Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland zum sogenannten âabgehĂ€ngten Prekariatâ. Frank Karl von der Friedrich-Ebert-Stiftung betonte, dass der Begriff âneue Unterschichtâ in der Studie fehle. Der Begriff âneue Unterschichtâ als Synonym fĂŒr âabgehĂ€ngtes Prekariatâ wurde erstmals von Bild am Sonntag benutzt.cite-ref-9[9]
Der Kriminologe Christian Pfeiffer nannte insbesondere viele Jugendliche als ĂŒberproportional unterprivilegiert. Dem Berliner Tagesspiegel sagte er, dass 10 bis 15 Prozent der unter 18-JĂ€hrigen in die Kategorie gehörten, da sie ĂŒber geringe Bildung verfĂŒgten und keine Aufstiegschancen fĂŒr sich sĂ€hen. FĂŒr die Misere machte Pfeiffer das gegenwĂ€rtige Schulsystem in Deutschland mitverantwortlich. Als weiteren Grund fĂŒr mangelnde schulische Aufstiegschancen sieht Pfeiffer Medienverwahrlosung. Kinder aus bildungsfernen Familien hĂ€tten hĂ€ufiger einen eigenen Fernseher, einen eigenen PC und eigene Spielkonsolen als Kinder aus bildungsnahen Familien. Dies jedoch wĂŒrde zu schulischen Misserfolgen fĂŒhren, so Pfeiffer in seiner Studie Die PISA-Verlierer â Opfer des Medienkonsums.cite-ref-10[10]
Wie Napp-Peters auch berichtet, hĂ€tten auf der einen Seite einige Eltern der Unterschicht kaum BerufswĂŒnsche oder AusbildungsplĂ€ne fĂŒr ihre Kinder:
âDabei werden Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit als Haltung der Eltern direkt auf die Kinder ĂŒbertragen und â wie wir bei Fragen zu Schulerfolg und BerufswĂŒnschen der Kinder feststellen konnten â diese resignative Haltung Ă€uĂert sich auch indirekt in den geringen Erwartungen der Eltern an Leistungsvermögen und Leistungsmotivation ihrer Kinder. Weniger als 20 % der deprivierten Eltern im Vergleich zu rund 65 % aller Eltern von Schulkindern wĂŒnschen fĂŒr ihre Kinder den AbschluĂ einer weiterfĂŒhrenden Schule. [âŠ] Nur 10 % im Vergleich zu 45 % haben regelmĂ€Ăig Kontakt zu den Lehrern ihrer Kinder, und BerufswĂŒnsche oder berufliche AusbildungsplĂ€ne fĂŒr ihre Kinder wurden von deprivierten Eltern nicht genannt.â
â
Anneke Napp-Peters
:
SozialpĂ€dagogische Familienhilfe in der Bundesrepublik Deutschland â Armut als Ausgrenzung: âDie haben nichts â die bringen nichtsâ
Auf der anderen Seite kommen Erhebungen wie die jĂŒngste Elternbefragung des Dortmunder Instituts fĂŒr Schulentwicklungsforschung und die Langzeitstudie der Arbeiterwohlfahrt zu dem Ergebnis:
âDie Bildungsaspirationen der Eltern sind in den letzten 20 Jahren stark angestiegen. Dies zeigen nicht zuletzt die Umfragen des Instituts fĂŒr Schulentwicklungsforschung (IFS, 2004). Inzwischen wĂŒnschen sich bundesweit 45 % aller befragten Grundschuleltern, dass ihr Kind die Schullaufbahn mit dem Abitur abschlieĂt; nur 8 % können sich fĂŒr ihr Kind einen Hauptschulabschluss vorstellen. Besonders stark angestiegen sind die Bildungsaspirationen von Eltern aus bildungsferneren Schichten.â
â
Fehrenbach/Zöller/Roos/Schöler
:
Bildungsaspiration der Eltern und elterliche Zufriedenheit mit den Schulleistungen am Ende der dritten Klasse
Weitere empirische Untersuchungen durch Elternbefragungen kamen zu Àhnlichen Urteilen.cite-ref-13[13]
Demografisierung der politischen Debatte
Bereits vor einzelnen ĂuĂerungen, ob in Deutschland die âFalschenâ die Kinder bekommencite-ref-14[14], sprachen Christoph Butterweggecite-ref-15[15]cite-ref-16[16] und Eva Barlösiuscite-ref-17[17] von einer âBiologisierungâ und âDemografisierungâ des Sozialen, welche zu einem mit sozialdarwinistischem Denken verbundenen âStandortnationalismusâ fĂŒhre.cite-ref-18[18]
Wilhelm Heitmeyer betont mit Bezug auf eigene Untersuchungen zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, dass Menschen zunehmend nach ihrer wirtschaftlichen NĂŒtzlichkeit bewertet wĂŒrden. Dies fĂŒhre insbesondere zu einer Abwertung von Arbeitslosen:
âWir können belegen, dass die Mittelschicht seit EinfĂŒhrung von Hartz IV massive Angst hat. Das fĂŒhrt dazu, dass Mitmenschen vor allem nach ihrer NĂŒtzlichkeit bewertet und damit auch abgewertet werden. Der autoritĂ€re Kapitalismus hat es geschafft, seine Verwertungskriterien ohne Widerstand der ganzen Gesellschaft ĂŒberzustĂŒlpen.cite-ref-19[19]â
Diese Abwertung der Unterschicht bezeichnet Albrecht von Lucke als âPropaganda der Ungleichheitâ und nennt hier explizit Thilo Sarrazin und Peter Sloterdijk.cite-ref-20[20]
Thilo Sarrazin Ă€uĂerte in einem Interview:
âEs gibt auch das Problem, dass vierzig Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden. (âŠ) So dass das Niveau an den Schulen kontinuierlich sinkt, anstatt zu steigen. [âŠ] Wir haben in Berlin vierzig Prozent Unterschichtengeburten, und die fĂŒllen die Schulen und die Klassen, darunter viele Kinder von Alleinerziehenden. Wir mĂŒssen in der Familienpolitik völlig umstellen: weg von Transferleistungen, vor allem bei der Unterschicht.â
â
Thilo Sarrazin
Der Politikwissenschaftler Hajo Funke warf Sarrazin daraufhin Rassismus und Sozialdarwinismus vor.cite-ref-22[22] Cem Ăzdemir bezeichnete Sarrazins Weltbild ebenfalls als sozialdarwinistisch.cite-ref-23[23] Der Zeit-Journalist Christian Staas fĂŒhlt sich durch Sarrazins ĂuĂerungen an rassenbiologische Schriften erinnert und behauptet, Sarrazin plĂ€diere fĂŒr ein eugenisches Projekt.cite-ref-24[24]
Peter Sloterdijk verteidigte Sarrazins Thesen in dem âManifestâ Aufbruch der LeistungstrĂ€ger â Zeitdiagnostische Bemerkungen und rief dazu auf, Gunnar Heinsohn zu lesen.cite-ref-25[25]
Gunnar Heinsohn forderte im November 2009 eine Reduzierung der âUnterschichtengeburtenâ, er kritisierte, dass Arbeitslose Elterngeld erhielten.cite-ref-26[26] Im MĂ€rz 2010 riet er, Sozialhilfe auf fĂŒnf Jahre zu begrenzen, und verwies dabei auf die seiner Meinung nach positiven Effekte einer verĂ€nderten amerikanischen Sozialhilfepolitik in der Amtszeit von Bill Clinton. Insbesondere könne dadurch die Zahl der Kinder in der Unterschicht reduziert werden, die ânicht ausbildungsfĂ€higâ seien.cite-ref-27[27] Die Arbeitnehmerkammer Bremen kritisierte ihn dafĂŒr heftig und warf ihm Sozialdarwinismus vor.cite-ref-28[28] Die Politologin Naika Foroutan warf Heinsohn einen âentwĂŒrdigenden Utilitarismusâ vor, aber auch demagogische Berechnungen, wie die der angeblichen Steigerung der Sozialhilfequote bei TĂŒrken in Deutschland um 5000 Prozent.cite-ref-29[29]
Der Elitenforscher Michael Hartmann konstatiert eine âin der Geschichte der Bundesrepublik noch nie dagewesene Radikalisierung der Elitenâ, die zunehmend den âKontakt mit anderen Lebenswirklichkeitenâ verloren hĂ€tten.cite-ref-30[30]
Die neue Unterschicht in der öffentlichen Meinung
Die neue Unterschicht erscheint in den Medien als kriminell, dreckig, gefĂ€hrlich, asozial, verwahrlost und chaotisch. Sie nutzten Worte wie das auf den wissenschaftlichen Leiter des Instituts fĂŒr Urbanistik, Rolf-Peter-Löhr, zurĂŒckgehende Wort âSozialhilfeadelâ â er definierte:
âIn den Problemgebieten spĂŒrt man, welche Kultur der AbhĂ€ngigkeit der Sozialstaat geschaffen hat. Dort leben manche Leute schon in der dritten Generation von Sozialhilfe â dort herrscht Sozialhilfeadel â die wissen gar nicht mehr, wie das ist: morgens aufstehen, sich rasieren, vernĂŒnftig anziehen und zur Arbeit fahren.â
â
Magazine wie etwa der Stern, Die Zeit, Geo und Der Spiegel schilderten die neue Unterschicht in Einzelschicksalen als verwahrlost, gewalttĂ€tig und kinderreich â jedoch ohne sich auf soziologische Analysen oder Statistiken zu stĂŒtzen. Sozialforscher Fabian Kessl sieht die âneue Unterschichtâ als ein Konstrukt der Massenmedien an und bezeichnet die Berichterstattung als âmediale Dramatisierungâ.cite-ref-kessl-32-0[32]
Weitere Eigenschaften, die der neuen Unterschicht von den Massenmedien zugeschrieben werden, sind eine verantwortungslos gelebte SexualitĂ€t und ein Mangel an Mittelschichtswerten. Dieser angebliche Mangel wird teilweise auch als Grund fĂŒr eine Zugehörigkeit zur Unterschicht gesehen:
âTeenager, die schwanger werden, gehören zur âunderclassâ [âŠ] [sowie] Schulversager, Leute, die FĂŒrsorgeleistungen einkalkulieren, solche, die eine extreme Gegenwartsorientierung zeigen, jedoch keine Bereitschaft Pflichten zu ĂŒbernehmen, Bildungsaspirationen nachzugehen oder zu arbeiten. Die Zurechnung zur âunderclassâ erfolgt nach etwas, was man âsoziales Profilâ nennen könnte.â
â
Karl August Chasse
:
Unterschichten in Deutschland. Materialien zu einer kritischen Debatte
Disziplinlosigkeit und UnfĂ€higkeit sich einzufĂŒgen werden ebenfalls genannt. So wird im Stern der Vereinsvorsitzende eines Ruderclubs mit den Worten zitiert âIch komme immer mehr zu der Ăberzeugung: Die heutige Unterschicht kann nicht mehr rudernâ. Das Magazin kommt daraufhin zu der Analyse:
âDie ĂŒberraschende Diagnose des Vereinsvorsitzenden erklĂ€rt mehr ĂŒber die Spaltung der Gesellschaft als manche soziologische Studie. Beim Rudern darf niemand aus der Reihe tanzen. Wenn nur einer im Achter den Rhythmus der Gemeinschaft stört, fallen alle acht ins Wasser. Beim Rudern mĂŒssen sich alle unterordnen zu hundert Prozent. [âŠ] Disziplin, ZuverlĂ€ssigkeit, BestĂ€ndigkeit, Pflichtbewusstsein â die viel geschmĂ€hten SekundĂ€rtugenden entscheiden jedoch nicht nur, ob jemand ein guter Sportler ist. [âŠ] Oft teilen sie ein, wer auf welcher Seite des groĂen Grabens lebt, wer oben und wer unten ist. Wer rudern kann, gehört nicht zur Unterschicht.â
â
zitiert in Karl August Chasse
:
Unterschichten in Deutschland. Materialien zu einer kritischen Debatte
AuĂerdem wird der âneue Proletâ vom âalten Arbeiterâ abgegrenzt. So schreibt Der Spiegel:
âDer Prolet von heute besitzt mehr Geld als der Arbeiter vergangener Generationen und wenn er im Anzapfen des Sozialstaats eine gewisse Fertigkeit entwickelt hat, verfĂŒgt er ĂŒber ein Haushaltseinkommen, das mit dem von Streifenpolizisten, Lagerarbeitern und Taxifahrern allemal mithalten kann. Es ist nicht die materielle Armut, die ihn von anderen unterscheidet. AuffĂ€llig sind die Symptome der geistigen Verwahrlosung [âŠ] Er besitzt keine Bildung, aber er strebt ihr auch nicht entgegen. Anders als der Prolet des beginnenden Industriezeitalters, der sich in Arbeitervereinen organisierte, die zugleich oft Arbeiterbildungsvereine waren, scheint es, als habe das neuzeitliche Mitglied der Unterschicht sich selbst abgeschrieben. Selbst fĂŒr seine Kinder ĂŒbernimmt es keine allzu groĂen Anstrengungen, die TĂŒr in Richtung Zukunft aufzustoĂen. Ihre Spracherziehung ist so schlecht, wie ihre FĂ€higkeit sich zu konzentrieren. Der Analphabetismus wĂ€chst in dem gleichen MaĂ, wie die Chancen auf Integration der Deklassierten schrumpfen. Die Amerikaner sprechen in der ihnen eigenen Direktheit von âwhite trashâ, weiĂem MĂŒll.â
â
zitiert in Karl August Chasse
:
Unterschichten in Deutschland. Materialien zu einer kritischen Debatte
Karl August Chasse kritisierte am medialen Diskurs, dass die Medien einzelne Wissenschaftler scheinseriös nur als Stichwortgeber benĂŒtzten (so Rolf-Peter Löhrs âSozialhilfeadelâ).cite-ref-chasse-21-36-0[36] Wissenschaftliche ZusammenhĂ€nge wĂŒrden jedoch falsch dargestellt. Ein Stern-Artikel verweise zwar auf den Soziologen Andreas Mielck, der einen Zusammenhang zwischen Sozialschicht und Gesundheitszustand feststellte. Unterschlagen werde dabei jedoch, dass Mielck eine Theorie der Benachteiligung der Unterschicht entwickelt habe, durch die seine Befunde deutlich anders erklĂ€rt werden könnten.cite-ref-chasse-24-37-0[37]
Siehe auch
Literatur
âą Claudio Altenhain, Anja Danilina, Erik Hildebrandt, Stefan Kausch, Annekathrin MĂŒller, Tobias Roscher (Hrsg.): Von »Neuer Unterschicht« und Prekariat, Transcript, Bielefeld 2008.
âą Heinz Bude: Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft, MĂŒnchen 2008.
âą Karl August Chasse: Unterschichten in Deutschland. Materialien zu einer kritischen Debatte, Verlag fĂŒr Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010.
âą Fabian Kessl: Das wahre Elend? Zur Rede von der âneuen Unterschichtâ, in: WidersprĂŒche â Zeitschrift fĂŒr sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich, Heft 98, Dezember 2005.
âą Fabian Kessl, Christian Reutlinger, Holger Ziegler (Hrsg.): âErziehung zur Armut? Soziale Arbeit und die âneue Unterschichtââ. VS-Verlag, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-531-15389-6.
âą Alex Klein, Sandra LandhĂ€uĂer, Holger Ziegler: The Salient Injuries of Class: Zur Kritik der Kulturalisierung struktureller Ungleichheit, in: WidersprĂŒche â Zeitschrift fĂŒr sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich, Heft 98, Dezember 2005
âą Paul Nolte: Generation Reform. Jenseits der blockierten Republik, Bonn 2004.
⹠PROKLA 160: KulturkÀmpfe, 40. Jahrgang, Nr. 3, September 2010.
âą Bernd Kalvelage: Klassenmedizin. PlĂ€doyer fĂŒr eine soziale Reformation der Heilkunst. Springer 2014.
Weblinks
âą âDie neue Unterschichtâ Die Zeit vom 10. MĂ€rz 2005
âą stern online: Unterschicht. Das wahre Elend
âą spiegel-online: Gabor Steingart: Sozialer Verfall. Die neuen Proleten
âą Interview mit dem Studienleiter der Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn (Memento vom 6. Januar 2007 im Internet Archive)
âą Friedrich-Ebert-Stiftung mit Link zur viel diskutierten Studie
âą Der Unterschichtler â Politisches Online-Magazin zur sozialen Gerechtigkeit
âą Publikation des Bundesministeriums fĂŒr Familie, Senioren, Frauen und Jugend
âą Die neue Klassengesellschaft
âą Fabian Kessl: Das wahre Elend. Zur Rede von der âneuen Unterschichtâ
âą Matthias Nauerth: Verwahrlosung der Unterschicht? Leitbildfunktion der Oberschicht? Ăberlegungen zu einer neuen FĂŒrsorglichkeit (PDF; 21 kB)
âą "Prolls, Assis und Schmarotzer" Warum unsere Gesellschaft die Armen verachtet (Memento vom 20. Juli 2015 im Internet Archive)
Einzelnachweise
cite-note-11. â Gunnar Myrdal: Challenge to Affluence. Random House, New York (NY) 1963, S. 10.
cite-note-22. â Paul Nolte: Generation Reform. Jenseits der blockierten Republik, Bonn 2004.
cite-note-33. â Lewis, Oscar (1996 (1966)). âThe Culture of Povertyâ. In G. Gmelch and W. Zenner, eds. Urban Life. Waveland Press.
cite-note-44. â Neukölln ist ĂŒberall. Ullstein Buchverlage, Berlin 2012, ISBN 978-3-550-08011-1
cite-note-55. â Andreas Reckwitz: "Die Gesellschaft der SingularitĂ€ten" - "Digitalisierung fĂŒhrt dazu, dass die allgemeine Ăffentlichkeit erodiert". Abgerufen am 29. Mai 2019.
cite-note-66. â Karl August Chasse, Unterschichten in Deutschland. Materialien zu einer kritischen Debatte, Verlag fĂŒr Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010, S. 163/164.
cite-note-77. â Fabian Kessl: Das wahre Elend? Zur Rede von der âneuen Unterschichtâ, in: WidersprĂŒche. 25. Jg. Heft 98, 2005.
cite-note-88. â So Karl August Chasse, Unterschichten in Deutschland. Materialien zu einer kritischen Debatte, Verlag fĂŒr Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010, S. 161/162
cite-note-1010. â Christian Pfeiffer u. a.: Die PISA-Verlierer â Opfer des Medienkonsums, KFN Hannover. Online auch hier abrufbar (Memento vom 12. Juni 2009 im Internet Archive) (PDF; 147 kB)
cite-note-111. Bundesministerium fĂŒr Familie, Senioren, Frauen und Jugend: SozialpĂ€dagogische Familienhilfe in der Bundesrepublik Deutschland â Armut als Ausgrenzung: âDie haben nichts â die bringen nichtsâ war am 11. Februar 2008 auch online abrufbar (Memento vom 23. MĂ€rz 2008 im Internet Archive)
cite-note-122. Carmen Fehrenbach/Isabelle Zöller/Jeanette Roos/Hermann Schöler, PĂ€dagogische Hochschule, Heidelberg 2005: Bildungsaspiration der Eltern und elterliche Zufriedenheit mit den Schulleistungen am Ende der dritten Klasse â (Memento vom 27. September 2007 im Internet Archive)
cite-note-1313. â Vgl. Wolfgang Mack, Erich Raab, Hermann Rademacker: Schule, Stadtteil, Lebenswelt â eine empirische Untersuchung, DJI Reihe, Leske + Budrich, Opladen, S. 133.
cite-note-1414. â FDP-Politiker Daniel Bahr zur Familienpolitik (»In Deutschland kriegen die Falschen die Kinder«; auf www.das-netzbuch.de)
cite-note-1515. â Christoph Butterwegge: Biologisierung und Ethnisierung des Sozialen im Demographiediskurs der Bundesrepublik, in: JosĂ© Brunner (Hrsg.): Demographie â Demokratie â Geschichte. Deutschland und Israel (Tel Aviver Jahrbuch fĂŒr deutsche Geschichte XXXV), Göttingen 2007, S. 330â350, bei Google bĂŒcher
cite-note-1616. â Butterwege meint, fĂŒr die âBiologisierungâ sei die âErhaltung des deutschen Genmaterialsâ das eigentliche Motiv. Ferner gebe es eine völkische Komponente im deutschen Diskurs ĂŒber Demographie. Sie erinnere ihn an eugenische Debatten in der Weimarer Republik kurz vor 1933. Siehe Björn Schwentker: Aussterben abgesagt. Deutschland hat die Demografie entdeckt â und mit ihr die demografische Katastrophe. Viele Forscher sehen gar keinen Grund zur Aufregung, Die Zeit vom 9. Juni 2008
cite-note-1717. â Eva Barlösius, Daniela Schiek: Demographisierung des Gesellschaftlichen. Analysen und Debatten zur demographischen Zukunft Deutschlands, Wiesbaden 2007, bei Google bĂŒcher
cite-note-1818. â Christoph Butterwegge: Neoliberalismus und Standortnationalismus â eine Gefahr fĂŒr die Demokratie? (Memento vom 23. Oktober 2010 im Internet Archive)
cite-note-1919. â Markus Grill: Kapitalismus. âWutgetrĂ€nkte Apathieâ, Interview mit Wilhelm Heitmeyer, SPIEGEL Nr. 14, 3. April 2010.
cite-note-2020. â Albrecht von Lucke: Propaganda der Ungleichheit. Sarrazin, Sloterdijk und die âneue bĂŒrgerliche Koalitionâ, veröffentlicht in: BlĂ€tter fĂŒr deutsche und internationale Politik, Dez. 2009, S. 55â63, auf einer Webseite der BlĂ€tter fĂŒr deutsche und internationale Politik
cite-note-213. @1@2Vorlage:Toter Link/www.sozialarbeit.fh-dortmund.de (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im August 2018. Suche in Webarchiven)
cite-note-2222. â âMeines Erachtens sind Sarrazins ĂuĂerungen sowohl sozialdarwinistisch als auch rassistisch. [âŠ] Zudem spricht er der Unterschicht der ethnisch Deutschen ab, dass sie sich sozial entwickeln könne. Das widerspricht der politischen Linie der SPD. Aber vor allem ist das eine abgrĂŒndige, sozialdarwinistische Verachtung von Deutschen, Arabern und TĂŒrken zugleich.â âDas ist geradezu groteskâ Der Politologe Funke zum Nicht-Ausschluss Sarrazins aus der SPD die tageszeitung, 17. MĂ€rz 2010.
cite-note-2323. â Berlins SPD rechnet mit Sarrazin ab, Tagesspiegel, 11. Oktober 2009.
cite-note-2424. â Christian Staas: Schickes Ădland GroĂstadt, in: Zeit online, 28. Oktober 2009.
cite-note-2727. â Gunnar Heinsohn: Sozialhilfe auf fĂŒnf Jahre begrenzen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 16. MĂ€rz 2010, abgerufen am 30. November 2014.
cite-note-2828. â Offener Brief der Arbeitnehmerkammer Bremen vom 19. MĂ€rz 2010 (Memento vom 24. April 2010 im Internet Archive).
cite-note-2929. â Naika Fouroutan: Die Berechnungen sind demagogisch, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. September 2010.
cite-note-3030. â Michael Hartmann: Deutschlands Eliten haben sich radikalisiert, Zeit online, 6. April 2010.
cite-note-314. Fabian Kessl: Sozialer Raum als Fall. in: Thole, Werner/Galuske, Michael (Hrsg.): Vom Fall zum Management, Wiesbaden 2006, aufgerufen am 13. Januar 2008
cite-note-kessl-3232. â Fabian Kessl: Das wahre Elend? Zur Rede von der neuen Unterschicht. In: WidersprĂŒche. 25.Jg, Heft 98, 2005 (Memento vom 9. November 2006 im Internet Archive), aufgerufen am 13. Januar 2008
cite-note-chasse-335. Karl August Chasse: Unterschichten in Deutschland. Materialien zu einer kritischen Debatte, Verlag fĂŒr Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010, S. 31
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cite-note-chasse-24-3737. â Chasse â S. 24f.